Nahrung ist Leben, ein jedes Lebewesen braucht Nahrung, um zu überleben – braucht wohl schmeckende Nahrung, um gut zu leben.
In meinem Leben hat es an Nahrung nie gemangelt, ich war ein wohl genährtes Kind und ans Verwöhntsein gewöhnt – und habe mich doch nie so wohl gefühlt, wie ich mich wohl wohl fühlen hätte müssen oder sollen bei all dem, was ich hatte – was Kinder, die es nicht haben oder hatten, wohl gern hätten haben wollen (…).

Und aus diesem meinem Unwohlsein heraus habe ich mit dem Erwachsenwerden versucht, weniger zu wollen und zu sollen oder nur das zu sollen, was ich selbst wollte – habe mit wachsendem Eifer versucht, das verwöhnte Kind in mir zu entwöhnen.
Das Kind, das ich gewesen und das mit mir gewachsen war – das Kind, das von klein auf nur den Genuss und das süße Leben kannte und vor lauter Genusssucht nicht mehr wusste, was Genießen ist.
Denn statt Genuss sah ich nur noch Überfluss – und vor lauter Überfluss fühlte ich Überdruss.
Viel – mehr – am meisten war die Konstante in meinem Leben – war das, was ich mit auf den Lebensweg bekommen habe – war das, was mein tägliches Leben mit jedem Tag mehr ein bisschen weniger lebenswert machte.
Mit 25 dann hörte ich, spät aber doch, einen Satz, der zu meiner neuen Lebenskonstante werden sollte:
Alles kann, nichts muss.
Und es war das erste, aber nicht das letzte Mal, dass ich diesen Satz – Sätze wie diesen – hören sollte.

Dieses alles kann, nichts muss machte mir das Entwöhnen vom Verwöhntsein leichter – und so entwöhnte ich mich, indem ich mir alles Überflüssige – das mich dessen sowieso nur überdrüssig machte – abgewöhnte.
Vor allem der Nahrungsüberfluss machte mir schwerst zu schaffen – hatte es von klein auf getan, denn Nahrung gab es bei uns immer im Überfluss.
Und dieser Überfluss war nicht zum Anschauen, sondern zum Essen da – zum „Genießen“.
Dabei nahm das viele, mir schwer im Magen liegende Essen mir meine ganze Energie – und ich fühlte mich kraftlos, obwohl stärkereiche Nahrung mich „stärkte“ – stärken sollte.
Also begann ich, ganz bewusst mit meiner Ernährung zu experimentieren – um herauszufinden, welche Nahrung, welche Ernährungsform mich wirklich stärkte, anstatt mich zu schwächen.
Viel Stärke – weniger Stärke – fast keine Stärke – fast nur Stärke: allein das Gefühl, alles versuchen zu können, es aber nicht zu müssen stärkte und bestärkte mich in meinem Tun, gab mir die Kraft, jeden einzelnen meiner Ernährungsselbstversuche durchzuhalten – ob der einzelne Versuch nun erfolgreich war oder nicht.

Denn dem Hochgefühl folgte oft die Ernüchterung – genauso, wie der Völlerei die Ausnüchterung folgte. Und ich fing an, dieses Ausnüchtern nach jedem All-you-can-eat-Buffet-Essen mit meinem gefräßigen Freund zu praktizieren, indem ich fastete. Erst unbewusst fastete, weil ich vor lauter Völlegefühl weder ein noch aus wusste – weil ich nur eins wusste: das Überessen machte meinen Körper und mein Denken unnötig schwer; dann bewusst fastete, weil ich nach diesem ersten unbewussten Fasten wusste: es war gar nicht so schwer, mich des Essens längere Zeit zu enthalten, nachdem ich so haltlos gegessen hatte – mich so lange zu enthalten, bis keine Essensfülle mehr, sondern Unbeschwertheit mich erfüllte. Immerhin aßen – fraßen – wir wie vor der großen Hungersnot – aßen aus purer Gier, aus Lust an der Esslust – aßen, weil es sich anbot, weil die uns dargebotene Nahrung im Sonderangebot war (…). Dabei war es gerade mein Freund, der Vielfraß, der mir die eigene Gier, die von klein auf genährte Genusssucht schmerzlich bewusst machte.

Zwar versuchte ich nach außen hin, dieses schmerzlich bewusst Gewordene zu verschmerzen – insgeheim aber gab es mir zu denken, wie gierig und gedankenlos ich fast jeden essbaren Fraß in mich hinein aß.
Und je mehr ich aß, desto mehr fraß ich – weshalb ich begann, meine Essgewohnheiten zu überdenken.
Und ich dachte an meine Kindheit und meine Jugend und meine blutjungen Erwachsenenjahre zurück – denn eine junge Erwachsene war ich ja schon –, versuchte mich zu erinnern, wie alles begann – wie wurde, was war.

Vom Früchtchen zur Frucht
Um sich zur großen, starken, stärkereichen Pflanze auszuwachsen, braucht das junge kleine Pflänzchen die nährende Liebe einer irdischen Mutter und eines sonnigen Vaters – braucht es Sonnenlicht, Wasser- und Kohlenstoff, Sauerstoff und Stickstoff, Kalium, Kalzium, Magnesium, Phosphor, Eisen und Schwefel.
Und ein fruchtbares Erd- und ein befruchtendes Himmelreich haben davon reichlich, sättigten ihren keimenden Sprössling und keimenden Schössling, bis der so gestärkte, hochaufgeschossene, dem mütterlichen Schoße entwachsene selbst reich an Stärke ist.

Einer Stärke, die der junge Menschenspross durch seine Mutter isst, die Sprossen und Keime, junges Gemüse und alten Wein zum Fressen gern hat, denn auch sie, die mit-menschliche Mutter, sieht ihrem Früchtchen gern beim Wachsen zu – sieht zu, dass es zur saftigen Frucht heranreift, gibt ihm ihre Liebe, die von Herzen kommt, gibt ihm Liebe, die durch den Magen geht.
Denn nur wer voll ist, ist erfüllt – randvoll gefüllt mit lieblicher Nahrungs- und Lebensenergie einer fürsorglichen Mutter (und manchmal auch eines vorsorgenden Vaters).
Bevor aber das zur Frucht heranwachsende Früchtchen genug Kraft und Saft in sich hat, um selbst loszuspringen und sich mit Nahrungsenergie zu versorgen und die Nahrungskalorien durch Springen und Rennen wieder zu verbrennen, braucht es den nährenden Kuchen und den milchigen Saft seiner Mutter – deren Geschmack des Kindes Geschmacksvorlieben schon im Mutterleib prägen.
Der Geschmack der Muttermilch und des Mutterkuchens wiederum ist abhängig von dem, was die Mutter isst.
Und ob sie nun gern Süßes oder Salziges oder doch lieber Saures – Essiggurkensaures – isst: es ist die Vorliebe für Süßes, die uns angeboren ist, sind wir ja aus süßlichem Fruchtwasser heraus geboren, um zu erkennen, dass süß nicht nur gut schmeckt, sondern uns schnelle Energie gibt, die gerade wir Kleinen brauchen, um schnell groß zu werden.

Aber auch Salziges lieben wir – das das Süße süßer schmecken lässt, das das Salz in der Suppe des Lebens ist.
Denn salzlose Suppe, ein Leben ohne Würze, ist nicht eines jeden Geschmack (…).
Dass wir – die Kleinen sowieso, die Großen ebenso – Süßes und Salziges mehr lieben als Bitteres und Saures, liegt unter anderem an der Chorda tympani, einem Nerv, der dafür da ist, dass die Zunge ihr salzig-süßes Geschmacksempfinden mit den süßesten Grüßen an das Gehirn weiterleitet – das nicht minder Geschmack am salzig Süßen findet (während die säuerlichen Grüße einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen, weshalb wir Bitteres und Saures dann doch lieber ihrer selbst überlassen – sie versauern lassen).
Logue, A. W., 2009. Die Psychologie des Essens und Trinkens. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag
Plank, Robert, 1938. Die grüne Welt. Wien: Steyrermühl-Verlag
Be my sugar
Jede noch so kleine Zelle braucht Energie, um zu überleben – und die Zelle lebt, weil während der Zellatmung die Glukose mit Sauerstoff zu Kohlendioxid und Wasser oxidiert, woraus in der Zelle gespeicherte Energie – Adenosintriphosphat, ATP – entsteht.
Energie, die uns menschlichen Zellgebilden zur Verfügung steht, um lebendig zu sein, um zu wachsen – um zu entstehen.
Und damit wir entstehen und fortbestehen, nutzen wir die Energie stärke- und zuckerreicher Früchte, Wurzeln, Samen, Knollen, Zwiebeln – die der Pflanze selbst nützliche Energiespeicher sind.

Schnelle Einfachzucker, Monosaccharide (griech. mónos, eins) sind als Traubenzucker (Glukose, Dextrose) und Fruchtzucker (Fruktose) natürlicherweise in Früchten und Honig enthalten – wo sie nebeneinander vorliegen, aber nicht miteinander verbunden sind.
Verbinden sich aber zwei Einfachzucker, dann wird daraus ein Zweifachzucker, ein Disaccharid (griech. dýo, zwei), das in der Milch als Milchzucker, Laktose (Laktose + Galaktose –, im Malz als Malzzucker, Maltose (Glucose + Glukose) und im Haushaltszucker als Rohr- und Rübenzucker, der Saccharose (Glukose+ Fructose) vorliegt.

Viele aneinander gebundene Einfachzucker wiederum werden zu Mehrfachzuckern – den langkettigen Polysacchariden (griech. polýs, mehrere) und den kurzkettigen Oligosacchariden (griech. oligos, wenig).
Sowohl Oligo- als auch Polysaccharide können verdauungsfördernde Ballast- oder Fasterstoffe sein:
Polysaccharide sind leicht verdauliche Pflanzen- und tierische Leberstärke (= Glukagon = Speicherform von Glukose) sowie unverdauliches Algin, Inulin und Pektin;
Oligosaccharide wie Oligofruktose, FOS (Fructo-Oligosaccharide) und GOS (Galakto-Oligosaccharide) sind unverdauliche Präbiotika, die, in Maßen konsumiert, die Verdauung erleichtern, doch bei übermäßigem Konsum zu schwer verdaulichen Blähstoffen werden.
Für das heranwachsende Leben von Bedeutung sind die in Tier- und Muttermilch vorkommenden GOS, die, zusammen mit der Laktose, eine gesunde Säuglingsdarmflora aufbauen, indem sie gute, verdauungsfördernde Milchsäurebakterien wie Laktobazillen und Bifidobakterien mehren – ein angesäuerter Darm ist gut gegen schlechte Bakterien –, sodass der so stimulierte Säuglingsdarm alsbald selbst Zucker aus der Nahrung in Milchsäure umwandeln kann, um die durch mütterliches Zutun aufgebaute Darmflora zu erhalten – gesund zu erhalten.
Und ein mit Muttermilch genährter, darmgesunder Säugling mit gut entwickelter Verdauung kann auch die Laktose aus Tiermilch gut vertragen – eine Verträglichkeit, die sich mit der Entwicklung des Säuglings zum Kleinkind nach und nach abbaut, weshalb das heranwachsende Kind nicht selten zum laktoseintoleranten Erwachsenen wird.
Für die Kleinen aber ist tierische Vollmilch wertvoll, da sie reich sowohl an leicht verfügbarem Milchzucker als auch an leicht verdaulichem Milcheiweiß und Milchfett ist und diese Makronährstoffe in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen – genau wie in der menschlichen Muttermilch.
Aber auch Mikronährstoffe enthält vollfette Tiermilch reichlich: während Kalzium, Phosphor und Vitamin D des Kindchens erste Zähnchen stärken und die weichen Kinderknochen härten, fördert Orotsäure eine gesunde Darmflora, eine gute Proteinverwertung sowie die Bildung von blutbildendem Vitamin B12.

Wie Tiermilch hat Muttermilch einen mehr oder weniger gleichbleibenden Gehalt an Makronährstoffen – Zucker, Eiweiß, Fett –, und auch schmeckt die Milch einer jeden Mutter in etwa gleich süß-lich – steht süß ja für Lebensenergie, wovon der Säugling möglichst viel aus der Mutterbrust saugen will und soll (…).
Ob die Milch einer Mutter aber auch genug Mikronährstoffe – Vitamine, Mineralien, Spurenelemente, Fettsäuren – enthält, um den Säugling einerseits am Leben, andererseits gesund zu erhalten, darüber entscheidet die Mutter ganz allein: mit ihrer Ernährung.
Denn das Kind, der Säugling, ist für sich alleine (noch) nichts, sondern ist und isst allein durch die Mutter – ist das, was die Mutter isst.
Biesalski H. K., Grimm P., Nowitzki-Grimm, S., 2020. Taschenatlas Ernährung. Stuttgart: Georg Thieme Verlag
Elmadfa, I., Meyer, L. A., 2018. Vielkönner Ballaststoffe. München: Gräfe und Unzer Verlag
Logue, A. W., 2009. Die Psychologie des Essens und Trinkens. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag
Das Kind ist, was die Mutter isst
Und mit dem, was die Mutter ihrem Kind zu essen gibt, gibt sie ihm nährende wie auch schädigende Stoffe mit auf den Lebensweg, sodass dieser neu geborene Weg das noch junge Leben entscheidend prägt.
Denn die frühkindlichen Ernährungsgewohnheiten sind es, die das spätere Essverhalten der groß gewordenen Kleinen prägen – der Geschmack der Kindheit ist es, der als wohl schmeckend an-erkannt wird; wer kennt das nicht.
Als meine Mama mit mir schwanger war, aß sie gern süß – aß sie vor allem süße Früchte; Früchte, die mich, das in ihrem Fruchtwasser schwimmende Früchtchen, nährten – die meine Liebe zu Frisch- und Trockenfrüchten nährten, wie sie überhaupt meine Vorliebe für alles Süße nährten.
Und je mehr meine Mama süßen Früchten zusprach, desto süßer versprach ich zu werden – wurde der erste Zahn, den ich dann bekam, ein süßer (…).

Häppchen machen happy
Und nachdem ich lange genug im fruchtigen Wasser meiner Mama geschwommen war und eine Zeit lang an ihrer Brust gehangen hatte – so lange, bis die entsaftete Brust zur saftlosen Trockenfrucht und meine Mama zum Saftladen geworden war –, bekam ich, damit ich vor Unterzuckerung nicht umkam, ein buntes Allerlei an Frucht- und Fruchtgemüsebabybrei – so aufregend süß und bunt wie das Village Kunterbunt.

Wobei meine Mama mit Argusaugen darüber wachte, dass meine Äuglein nur ja nie größer waren als mein Appetit – der mit vielen kleinen Appetithäppchen stetig angeregt wurde, damit aus der schnabulierenden Kleinen ein großer Süßschnabel würde.
Und so wurden aus Häppchen Happen – und Happen machen die Kleinen groß – machen die größer werdenden Kleinen happy.
Ob aber das, was mit Häppchen anfängt, auch happy end-et?
Noch ist es ein open end (…).
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