Hoch lebe der Dreikäsehoch!

Und langsam wurde ich größer – wurde auch der Hunger mit mir größer.

Doch bevor der Hunger mir ein Loch in den Bauch fressen konnte, bekam ich neben genug Süßem immer mehr als genug Großloch- und anderen Käse zu essen – der das gefundene Fressen für mich Dreikäsehoch war, die ich ohne echten Hunger aber mit umso mehr Appetit aß – fast schon für drei aß.

Auf dass mein Kinderleib rund wie ein Käselaib würde.

Wurde er aber nicht.

Zumindest nicht so wohl gerundet, wie meine Mutter trotz (oder wegen) ihrer wenigen Rundungen und meine rundliche Großmutter mütterlicherseits es gewollt hätten: rund und gesund.

Und damit ich, mittelgroß und mittelschwer und nicht so groß und schwer wie größere und schwerere Kinder meines Alters, nur ja nicht zum Hungerkind würde, achtete – ja bestand – meine auf mein leibliches Wohl bedachte Mutter umso mehr darauf, dass ich möglichst große Portionen aß – und diese aufaß – sodass aus mir halben Portion bald eine ganze würde.

Da standen mein Vater und meine Großeltern ganz hinter ihr.

Voll dahinter
Liebe geht durch den Magen – ob er mag oder nicht

Und mit jedem Bissen, den ich bereitwillig hinunterschluckte, wurde das Lächeln meiner Mutter ein bisschen breiter – bereitete es ihr Freude zu sehen, wie der volle bauchige Teller immer leerer und mein leerer Bauch immer voller wurde.

Und schon hielt sie den nächsten Bissen bereit – immerhin geht Liebe durch den Magen, und diese Liebe schlug ich nie aus.

Denn wenn es nach meiner Mutter, meiner Großmutter, meinem Vater, meinem Großvater ging, konnte ich gut und gern ein bisschen in die Breite gehen – man sollte mir den Wohlstand schon ansehen.

Dabei war offensichtlich, was für ein wohl genährtes, mehr als gut versorgtes Kind ich war – nur meine überfürsorglichen Eltern wollten nicht einsehen, dass das viele Gute, das sie mir gaben, des Guten meist zu viel war (…).

Die größte Sorge meiner Eltern nämlich war, ich könnte mit Nahrung unterversorgt sein – die Sorge einer Nachkriegsgeneration, die nach rationierter Nahrungsmittelversorgung umso größeren Wert auf große Futterrationen legt? – weshalb sie mich vorsorglich überfütterten, dass ich nur ja gut im Futter war.

Denn sie wollten mir nur das Beste vom Besten, meinten es nur gut.

Sie meinen es nur gut
Gut gemeint ist nicht immer gut

Gut gemeint aber ist nicht immer gut – ist oft das Gegenteil von gut – weshalb das, was meine Eltern nur gut meinten, das Gegenteil von dem bewirkte, was sie wollten: dass es mir gut ging.

Denn gerade weil ich ein so gutes Kind war und immer „Aaaah“, aber nie „naa, mag nimmaaa“ sagte, ging es mir meist nicht so gut.

Aaaah!

Und manchmal war mir nach dem Essen so übel, dass ich das, was zu viel war – was meine Eltern durch gutes Zureden in mich „hineingezwungen“ hatten und was ich mit erzwungenem Lächeln hinuntergewürgt hatte, wohl oder übel wieder hochwürgen musste.

Mein Kinderkörper, mein Unterbewusstsein nämlich spuckte aus, was mein Mund mit Widerworten nicht auszuspucken wagte – einerseits, weil ich nicht wagemutig genug war um zu sagen, dass ich genug hatte, andererseits, weil mir Mut nur dahingehend gemacht wurde, den Mund aufzumachen – um auf-zu-essen (…).

Zumal meine aufopfernden Eltern mir so viel von ihrer Zeit, ihrer Güte und ihres Wohlwollens gaben, dass ich ihnen etwas zurückgeben wollte – ein Opfer bringen musste – essen musste, wann Essenszeit war und auch dazwischen, selbst wenn mir gar nicht nach Essen war (was es oft nicht war).

Und eben weil mein bewusstes Ich, nicht selbstbewusst genug, sich nicht zu helfen wusste, kam mein Unterbewusstes mir zu Hilfe.

Nachdem ich also ohne Worte aber mit viel Magensäure ausgespuckt hatte, was mein Magen ohnehin nicht wollte, ging es mir – spätestens bis zur nächsten Essenszeit – wieder etwas besser.

Dafür ging es meinen Eltern jetzt weniger gut, die meinen kindlichen Brechausbrüchen hilflos gegenüber standen – sich aber bestens darauf verstanden, mir umso mehr zu Verdauendes wieder einzuflößen, nachdem so viel Unverdautes aus mir heraus geflossen war (…).

Das pure Vergnügen

In meiner Familie, der großen wie der kleinen, wird seit jeher größter Wert auf gutes, reichhaltiges – wenn auch nicht unbedingt nährstoffreiches – Essen gelegt.

Und damit dieses Essen auch richtig gut wurde, legte sich meine Mama mächtig ins Zeug, kochte und buk gerne selbst – oder aber buk die Brötchen, die mein Papa verdiente und dem Supermarktbrotregal entnahm, auf.

Und das Selbstgekochte war wie das Selbstgebackene selbstverständlich köstlich;

zu köstlich, als dass man nur davon hätte kosten wollen: man wollte es voll und ganz auskosten – wir, die Familie, wie auch Freunde und Bekannte der Familie.

Denn man schmeckte die Liebe, mit der das Gekochte gekocht und das Gebackene gebacken war, richtig heraus.

Und damit das heiß geliebte Backwerk, das meine feurige Löwenmama mit Feuereifer in den Backofen schob, und das Heiße aus dem Kochtopf, das sie eifrigst aufs Herdfeuer setzte, noch lieblicher wurde, versetzte sie es, weil die viele Stärke darin nicht ausreichte, mit reichlich Zucker, der in der Hitze des Gefechts karamellisierte und dessen Karamellaroma meinen süßen Heißhunger erst recht befeuerte.

Und wenn ich, trunken vor Zuckerglück, einmal durstig war, wurden Fruchtsaftgetränke und Saftwasser zum Essen gereicht, die dem gehaltlosen Zuckergebäck vom Zuckergehalt her durchaus das Wasser reichen konnten.

Schluck für Schluck zum Zuckerschock

Und vom Saftwasser trank ich reichlich, trank es wie Wasser – denn genau das war es für mich: mein zuckersüßes Wasser, das ich ohne den Zucker darin nicht trinken wollte.

Denn Wasser war zum Waschen da – pures Leitungswasser wurde bei uns nicht getrunken.

Dafür aber Fruchtsaft pur – den ich aus purer Gewohnheit so trank – der das pure Vergnügen für mich war.

Und weil ich nicht daran gewöhnt war, mich mit purem Trinkwasser und Essen „Natur pur“ zu begnügen, bereitete ich mit den Zuckerzubereitungen, die ich aß und trank, auch der Zahnkaries, die sich über den Zucker durch meine Zähne fraß, das größte Vergnügen – weshalb selbst die kleinsten Karieslöcher immer größer wurden.

Genau so, wie mein Süßhunger mit meinem Größerwerden nicht kleiner wurde: immerhin bin ich mit den süßesten aller Kleinigkeiten groß geworden, wurde vom kleinen Naschkätzchen zum großen Süßschnabel, konnte, könnte – kann mich von Süßem ernähren, wenn keine andere Nahrung in greifbarer Nähe ist (…).

Dass ich so gut zu essen bekam, mir das gute Essen aber weniger gut bekam, als es hätte sollen, „verdanke“ ich dem Denken einer ausgehungerten Nachkriegsgeneration;
dass ich wegen des vielen guten Essens – der Semmelknödel, der Sahnenudeln, der Schokokugeln, die ich aß – „nur“ gut genährt, aber nicht sahnedick und kugelrund war, habe ich meiner Mutter zu verdanken, deren Milch mich Säugling mit all den Nährstoffen überversorgte, mit denen ich als Kind – trotz reichlichen aber nährstoffarmen Essens – unterversorgt war.

Denn Muttermilch sorgt für eine florierende Darmflora – die wiederum für ein gutes Verdauungsfeuer und einen schnellen Stoffwechsel, der Nahrungsenergie rasch verbrennt und sie schneller umsetzt, als dass Fett sich ansetzen kann.

Vor allem dann, wenn das Kind ab und zu ein kleiner Wirbelwind und nicht nur ein Couch Potato ist, das herumsitzt und Potato Wedges isst – wenn es wie ich, schnell wie der Wind, jeden Baumast und Laternenmast erklimmt, um eins mit dem Wind, dem himmlischen Kind zu sein (…).

Windig, nicht schwindlig
(K)ein Zuckerschlecken

Ich liebe Süßes, habe es immer geliebt und nie ohne es gelebt, hat das süße Leben mich ja von klein auf geprägt; wobei gerade die vom regelmäßigen Zuckerschlecken genährten Kariesschmerzen so regelmäßig wie einprägsam und gar kein Zuckerschlecken waren.

Heute, um viele schmerzliche Erfahrungen reicher, entscheide ich selbst, ob ich Süßes esse oder nicht – doch meine Versuche, den von klein auf genährten Süßhunger „auszuhungern“, machen den Heißhunger auf Süßes oft nur umso größer.

Denn immer noch bin ich ein bisschen das, was ich als Kind Bissen für Bissen und Schluck für Schluck gegessen und getrunken habe – zu essen und zu trinken bekommen habe.

Wobei ich jedes Essen, ob ich es essen mochte oder nicht, gewohnheitsmäßig hinunterschluckte, als wäre ich der größte aller kleinen Schluckspechte; eine Gewohnheit, die ich mir nicht abgewöhnen konnte, solange ich nicht nein sagen konnte – denn ich kannte kein Nein.

Und wenn ein noch so gutes Essen mir einmal nicht bekam und hinterher wieder hochkam – was mehr als einmal vorkam –, ich wusste nur eins:
Liebe geht durch den Magen – ob der Magen nun mag oder nicht –, und man nimmt möglichst viel von dieser nahrhaften Liebe auf und spuckt möglichst wenig davon wieder aus; denn sonst ist das der Liebe Aus.

In diesem Bewusstsein bin ich groß geworden; und so klein ich auch war, hatte ich einen großen Magen – musste ich einen großen Magen haben, bei so viel nährender Liebe, die mein Magen fassen konnte – können musste.
Denn meine Eltern liebten mich gar sehr.
Wohl zu sehr.

Unfassbar

Zu kurz aber war die Verdauungszeit nach jedem Essen, sodass das zu oft und zu viel Gegessene mir zeitweilige Übelkeit bereitete – die ich mitsamt dem Essen „bereitwillig“ hinunterschluckte – hinunterzuschlucken versuchte – es bei mir zu behalten versuchte, denn ich war keine Rebellin, sondern eine Ja-und-Amen-sagende-Gesellin.

Zu kurz aber war die Verdauungszeit nach jedem Essen, sodass das zu oft und zu viel Gegessene mir zeitweilige Übelkeit bereitete – die ich mitsamt dem Essen „bereitwillig“ hinunterschluckte – hinunterzuschlucken versuchte – es bei mir zu behalten versuchte, denn ich war keine Rebellin, sondern eine Ja-und-Amen-sagende-Gesellin.

Doch musste noch viel Zeit vergehen, bis aus immer mehr irgendwann nimmermehr! wurde; bereitet allein der Gedanke an meine übersättigte Kinderzeit mir heute Übelkeit (…).

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