Stumme Zeugin

Dreck bedeckt hier alle Straßen,

die verpestet sind von Gasen,

die sich, treibhausdicht

mit jeder Schicht,

legen auch auf Nachbars Rasen,

wo die Großstadthasen grasen,

wo, mit Füßen voller Blasen,

kleine Kinder ihre Nasen

drücken gegen Fensterglas –

das sie schützt vor Straßengas.

Unterdessen

ruft zum Essen

Mutti ihre Menschenhäschen,

mahnt, zu putzen ihre Näschen,

stellt das Töpfchen auf ein Stövchen,

das sie holte aus dem Öfchen –

welches freilich gasbetrieben,

da wir Emissionen lieben.

Sind wir in der (Groß-)Stadt aufgewachsen und an die vielen Annehmlichkeiten, die kleinen und großen Genüsse so eines Stadtlebens gewöhnt, nehmen wir künstlich Gewachsenes als naturgegeben hin, obwohl es von der Natur weit entfernt ist.
Denn was wir nicht von klein auf kennengelernt haben, vermissen wir bekanntlich nicht.

Dann erscheinen uns grelle Straßenbeleuchtung und künstliches Lampenlicht heller als natürlicher Mondschein und Sternenlicht, dann sind künstlich angelegte Grünflächen und städtisches Balkonien oft der einzige hoffnungsgrüne Lichtblick inmitten von flächendeckendem Grau.

Lichtblick

Und während immer mehr Rußschwarz und Asphaltgrau das Licht der Welt erblicken, blicken wir nach vorne und nicht zurück, denn wir sind vorausschauend und nicht rückständig – richten wir unser Augenmerk vermehrt auf Äußerlichkeiten anstatt nach innen zu schauen, denn das ist reizvoller als erkennen zu müssen, wie überreizt wir eigentlich sind. Und wo neue An-reize fehlen, wo natürlicher Reichtum und Naturschönheit nicht mehr ausreichen, unserer künstlich genährten Lust nach mehr beizukommen, da helfen wir – künstlich natürlich – nach. Immerhin hält Künstlichkeit Verblühendes frisch, hält Kunst vergängliche natürliche Schönheit künstlich am Leben.

Wie erfrischend

Doch je mehr wir nach außen drängen, die Natur zurückdrängen, uns nach der Decke strecken, desto mehr bleibt der echte Genuss auf der Strecke.

Da können wir Naturschönes noch so sehr künstlich verschönern, natürliche Nahrung noch so sehr mit künstlichen Zusätzen versetzen – die Kunst kann die Natur doch nie ersetzen.

Vielmehr wird die Sucht nach dem künstlichem Ersatz durch ebendiese künstliche Ersatzbefriedigung nur umso größer, ist Sucht ja nichts anderes als Suche.

Die Suche nach Sinn inmitten von Unsinnigkeiten – die Suche nach der verloren gegangenen Genussfähigkeit.

Immerhin ist es die Sinnhaftigkeit, die ein Menschenleben erfüllt – ist es die Fähigkeit, zu genießen, die uns Menschen zu Menschen macht.

Suchen wir aber krampfhaft nach Genuss, finden wir uns oft genug in einer krankhaften Genusssucht wieder, können nicht mehr genug bekommen – vor allem dann, wenn uns das Bewusstsein für den eigenen Körper und dessen Bedürfnisse abhanden gekommen ist.

Ersatzbefriedigung

Dann drehen wir uns unbewusst im Kreis, während die Gedanken sich nur um das eine drehen: viel – mehr – am meisten.

Und meist sind wir längst genusssüchtig, bevor aus dem endlosen Immer-mehr endlich „nimmer mehr“ werden kann (…).

Billig shoppen – top oder flop?

Haufenweise ja!-Produkte,

unverkennbar blau Bedruckte,

Dosen, schwer, in vielen Lagen,

stapeln sich in einem Wagen,

welchen, ohne zu verzagen,

einer, weihnachtskugelrund

– was ist der Grund, dass er so rund?

mag der Weihnachtsmann er sein? –

um die runde Ecke schiebt;

ob er scharfe Kurven liebt?

Hauptsach‘ billig muss es sein:

dann packt gar der Weihnachtsmann

– ob er sich das leisten kann? –

gern mal doppelt ein.

Hexentanz
Genuss im Überfluss – bis zum Überdruss

Viel ist im Orient-Supermarkt los:

reichlich das Anbot, die Auswahl groß

an Fleisch und Fisch, Brot und Käse, Gemüse –

der Osten schickt westwärts lukullische Grüße.

Doch zu verderblich die Berge und Massen

an frischen Genüssen –

die braun werden müssen,

obwohl sie gar billigst in Beuteln und Tüten

verlocken – und dennoch den Laden stets hüten;

die Fliegen nur können von ihnen nicht lassen.

Ich möchte nicht wissen, wie viel da verdirbt,

was da vergammelt, im Mülleimer stirbt;

an jeder Ecke ein neues Geschäft –

welche Verschwendung,

welch’ Nährmittelschändung;

da wird mir ganz schlecht.

Ich habe mich selber lange im Kreis gedreht, um mir meiner Selbst bewusst zu werden, um zu wissen, worum es im Leben geht und was so ein Menschenleben lebenswert macht – um zu erkennen, worin ich meinen persönlichen Lebenssinn sehe.

Denn zu sehen, hören, spüren, schmecken gibt es viel.

Viel zu viel.

Und da ich, ein verwöhntes Kind, immer mehr als genug von allem hatte, musste ich als kindliche Erwachsene erst erkennen lernen, wann zu viel zu viel war.

Ich musste dieses und jenes probieren und an mir selbst mit Nahrung, Kleidung und Stilen experimentieren, um zu mir zu finden und mich nicht in Haltlosigkeit zu verlieren.

Denn ich neige zu Extremen – und wenn ich nicht gerade enthaltsam bin, finde ich mich in haltlosem (Ess-)Verhalten wieder.

Habe ich nämlich erst Geschmack an Etwas gefunden, dann koste ich den Wohlgeschmack voll aus – bis ich randvoll bin und das Völlegefühl mir Unwohlsein bereitet.

Umso mehr bin ich dann bereit, wieder etwas mehr Halt in meiner Haltlosigkeit zu finden – und werde (neben meinen Selbstexperimenten) auch immer wieder fündig, unter anderem in diesem hier:

Dahlke, Rüdiger, 2007. Krankheit als Symbol. München: Bertelsmann Verlag

Dahlke, Rüdiger. (2007). Sucht uns Suche: Selbstheilungsprogramm (Lesung). [Hörbuch]. Arkana

Das verwöhnte Kind entwöhnen

Heute bin ich ein relativ bewusster Mensch und kann mit weniger mehr anfangen als mit zu viel, da mir in dieser schnelllebigen Zeit schnell alles zu viel wird.
Doch habe ich lange gesucht – und suche noch immer – um zu mehr Bewusstsein zu finden.

Zwischendurch aber werde ich heißhungrig und giere nach den alten Zeiten und dem süßen Leben des verwöhnten Kindes, das ich war, indem ich versuche, das altgewohnte warme Wohlgefühl in Süßigkeiten wiederzufinden.

Gelüste

Dass seelischer Trost aber nicht im Trostessen zu finden ist, sondern zu viel des „tröstlichen“ Essens zu Unwohlsein, Ess- und Genusssucht führt, habe ich im vorherigen Beitrag zu erklären versucht (…). So versuche ich also, meine ausgehungerte Seele mit wärmenden Gesprächen statt mit heißhungrigem Essen zu trösten – was in der heutigen Zeit des Überflusses nicht immer leicht ist.

Immerhin bin ich ein Kind dieser Zeit – einer Zeit, in der Nahrung immerzu verfügbar ist und allein darum Gelüste und (Heiß-)Hunger immer wieder angeheizt werden; einer Zeit, in der es die Norm ist, ein abnorm großes Verlangen nach immer mehr Genuss zu haben; einer Zeit, in der die breite Masse nicht nur in unseren Breiten mehr breit als groß und allzeit bereit für Genüsse aller Art ist, dass es fast abartig ist. Da ist viel zu haben gut und noch mehr zu haben noch besser, denn genug ist nicht genug und gut ist nie gut genug.

Dabei ist beim heutigen (Nahrungs-)Überfluss oft der Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen – ist vor lauter viel oftmals nicht abzusehen, wann der wie auch immer geartete Hunger tatsächlich „gegessen“ ist.

Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen


Wobei auch die immer weniger werdenden Bäume in absehbarer Zeit nicht mehr zu sehen sein werden, wenn der nährstoffarm gewordene Boden, auf dem sie wachsen, eine immer haltloser werdende Menschheit ernähren soll (…).

Bodenlos

Ich selbst lebe und ernähre mich trotz neuen Bewusstsein immer noch zu wenig nachhaltig – doch übe ich mich in Enthaltsamkeit, um die eigene Gier im Zaum zu halten, bevor sie haltlos wird.

Und wenn ich trotzdem einmal haltlos werde und gierig Süßes in mich hinein esse, hungere ich meinen Heißhunger nach dem großen Fressen aus, indem ich faste.

Bewusstes Intervallfasten hat mir geholfen, wieder ein Gefühl für den natürlichen Hunger zu bekommen – dem ich dann bestenfalls mit natürlicher Nahrung beikomme, um nicht gleich wieder vom Heißhunger auf Süßes überfallen zu werden.

Immerhin ist es die denaturierte Nahrung mit ihren künstlichen Geschmacksverstärkern, die diesen unnatürlichen Heißhunger nährt und verstärkt (…).

Sweet Illusions

Sich selbst genügen

Dabei ist Fasten nichts Neues, sondern war schon unseren altsteinzeitlichen Vorfahren nur zu bekannt, die notgedrungen fasten mussten, da ihr Essen nicht wie heute essfertig überall erhältlich – und auch nicht so gehaltlos wie heute – war, sondern sie es erst jagen, töten und aufsammeln mussten.

Doch sind unsere Vorfahren mehr als gut damit gefahren, denn was in der Natur zu sammeln war, war natürlicherweise nährstoffreich und gereichte zu guter Gesundheit.

Nat-Ur-reich

Wir armen – an Nährstoffen verarmten – reichen neuzeitlichen Nachfahren hingegen sind so sehr auf Künstlichkeit eingefahren, dass wir die Gefahren eines künstlich genährten Hungers durch allzeit bereite, mit künstlichen Zusätzen versetzte Nahrungszubereitungen allzu oft verkennen.

Erst über Krankheit und Unwohlsein erkennen wir nach und nach, dass es höchste Zeit ist, zumindest ernährungsmäßig zum Nat-urzustand zurückzufinden, wenn wir uns sonst schon in künstlichen Räumen wiederfinden.

Und einer der vielen Wege zu mehr Gesundheit führt gestern wie heute über das Fasten.

Und wenn ich vom Fasten spreche, meine ich weder religiöse Fasten noch medizinisches Heilfasten, sondern selbst auferlegtes Intervallfasten – das für mich ein „Aushungern“ des Heißhungers, die Enthaltsamkeit nach der Haltlosigkeit, dem großen Fressen ist.

Denn ich sehe im Intervallfasten weniger ein Hungern als vielmehr ein Ausnüchtern, nach dem mein Körper dürstet, nachdem ich weit über den natürlichen Hunger gegessen habe (…).

Fasten tut deshalb gut, weil es eine sog. zelluläre Autophagie – von griech. autos, selbst, phagein, (fr-)essen) – bewirkt.

Wenn ich also längere Zeit nichts esse, verdauen – „recyclen“ – meine Körperzellen die eigenen überschüssigen oder schadhaften Zellbestandteile, den zellulären „Müll“, der von zu viel (ungesunder) Nahrung kommt, mit der ich mich „zugemüllt“ habe.

Und während meine Zellen „Zellmüll“ recyceln, zehre ich von mir selbst, meinen natürlichen Körperreserven, ohne selber Schaden zu nehmen.

Ancora un po‘

So ist das Fasten – die Autophagie – eine weise Einrichtung der Natur, um auszugleichen, was wir Menschen oft ohne weise Voraussicht mit uns selbst anrichten (…).

Also kann es nur recht und richtig sein, immer wieder zu intervallzufasten, wenn der Körper mehr Nahrung bekommt, als er fassen kann und wie ein überlaufendes Fass zu bersten droht.

Überfluss

Und auch wenn diese Selbstaufzehrung mitunter an meinen Nerven zerrt, darf ich die Nerven deswegen nicht gleich verlieren, denn wie wir von Urmenschen und Naturvölkern wissen, ist Durststrecken durchzuhalten etwas ganz Natürliches.

Madeo, Frank (2020). „Ständiges Essen ist gegen unsere Natur“. Natürlich gesund: Kleine Zeitung Magazin, 1 (02): 4 – 9.

https://www.kleinezeitung.at/lebensart/5765216/Natuerlich-gesund_Was-das-Fasten-im-Koerper-bewirkt

Autophagomanie

From feasting to fasting

Lange, bevor ich vom Intervallfasten wusste, habe ich in meiner Studentenzeit ganz intuitiv gefastet, um mich nach zähen All-you-can-eat-Buffet-Essen mit meinem gefräßigen Allesesser-Freund auszunüchtern.

Denn auch wenn das Essen so zäh gar nicht war, waren es doch die relativ großen Energiemengen, die mich, obwohl auf relativ nüchternen Magen gegessen, so übersättigten, dass ich lange Zeit nichts mehr zu essen, sondern die Zeit – bis zum nächsten Essen oder bis zum nächsten großen Fressen – zum Ausnüchtern brauchte.

Und wären unsere All-you-can-eat-feasts keine mehrstündigen eating-Marathons gewesen, so hätten sie mengen- und energiemäßig genauso gut OMAD-Sprints sein können, bei denen innerhalb einer Stunde übermäßig viel in One-Meal-A-Day gegessen wird.

Doch was nicht war, konnte noch werden (…).

https://www.sevencooks.com/de/magazin/omad-diaet-abnehmen-intervallfasten-3708RXwiuVUtv9VbHU9aIp

So also aß ich in gieriger Haltlosigkeit all I could eat – und ich aß schon deshalb as much as I could, um mir selbst und meinem massig-massiven Freund zu beweisen, dass ich zartes Kätzchen mit nur halb so viel Körpermasse wie er doppelt so viel essen konnte – nicht wie er, der Vielfraß, aber wie andere katzenhafte Mädchen mit meiner Körpermasse. Und ich konnte so viel essen, dass selbst mein Vielfraß-Freund mich nunmehr als Fass ohne Boden und nicht mehr als Kätzchen sah, das wie ein Vögelchen aß. Und so ausdauernd ich bei unseren All-you-can-eat-Marathons in mich hinein aß, um aus meinen brettflachen Bauch ein zum Bersten gefülltes Bauchfass zu machen, so lange dauerte es, bis in meinem Bauch wieder das Brett mit dem natürlichem Ansatz zum Waschbrett sichtbar wurde, das während der Fressmarathons mitnichten zu sehen war. Erst, nachdem ich ausgenüchtert – allein vom vielen Essen, nicht von zu viel Alkohol – war und wieder aufrecht stehen und gehen und richtig denken konnte, da kein momentanes Übergewicht mich mehr nach unten zog, wurde mir in solch nüchternen Momenten bewusst, dass aus meinem Bretterbauch nur dann ein Brett, „das sich gewaschen hat“ – also ein Waschbrett – würde, wenn ich Bauchübungen machte – und mich im Intervallasten, dem Aushungern nach dem Heißhunger, übte.

Ein Brett, das sich gewaschen hat

Und bald war ich geübt genug – und die neue, erst unbewusste Angewohnheit, nach dem feast zu fasten, wurde alsbald zur alten Gewohnheit. So fastete ich nun ganz bewusst nach jedem großen gemeinsamen oder einsamen „Fressen“ – das mir in diesem neuen feasting-fasting-Bewusstsein umso mehr schmeckte, da es ja bis zum nächsten Tag nichts mehr zu essen für mich geben würde. Und während ich nach den mehrstündigen gemeinsamen feasts mit meinem Freund einen halben Tag lang Intervall fastete, wurde aus dem halben Fasttag fast ein ganzer, wenn ich an einsamen Lerntagen im Studentenheim das noch extremere OMAD, das One-Meal-A-Day praktizierte, bei dem ich in kaum einer Stunde extrem viel auf einmal – eben einen ganzen Tagesbedarf an Nahrung – aß. Immerhin hatte ich den ganzen Tag auf dieses einzige riesige Belohnungsessen nach der großen Lernerei hingearbeitet – denn lernen auf mehr oder weniger leeren Magen liegt mir mehr als auf vollen, da mir dann das Essen allzu schwer im Magen liegt und ich nichts tun kann als mich stundenlang nichtsnutzig hinzulegen (…).

Völlerei

Als unmäßige Esserin nämlich esse ich das eine Mal übermäßig viel auf einmal, das andere Mal weniger als wenig, da Maß halten – also regelmäßiges Essen in angemessenen Mengen – mir in meinem Ernährungsextremismus schwerer fällt als die Enthaltsamkeit nach der Haltlosigkeit.

Und trotz der einsamen und gemeinsamen feasts nahm ich – wegen des Fastens danach – nicht zu.
Immerhin hatte ich in einer einzigen verzehrten Mahlzeit die Energiemenge dreier mittelgroßer Tagesmahlzeiten zu mir genommen und konnte bis zum nächsten Tag davon zehren.

Also konnte ich an meinem unausgewogenen Essverhalten nichts Schlechtes sehen, da ich ja bei guter Gesundheit war – und die war mir anzusehen.

Abgesehen davon ist Intervall- oder intermittierendes (lat. intermittere, aussetzen) Fasten zur körperlichen Gesunderhaltung bzw. zur Beibehaltung eines gesunden Körpergewichts eine neu entdeckte – 2013 wieder entdeckte – stein(zeit)alte Praxis, die gerade in heutigen Überflussgesellschaften gern und oft praktiziert wird – und von der ich aber damals, in meinen Studienjahren 2004-2009 – also den Jahren vor dem Wiederentdeckungsjahr – noch nichts wusste.

Immerhin war mir mein Fasten nach dem feast zuallererst ein unbewusstes Bedürfnis gewesen; erst nach und nach fastete ich bewusst.

Zudem war das Intervallfasten im österreichischen Allgemeinwissen sowie im Familien- und Bekanntenkreis damals noch zu unbekannt, um wie heute in aller Munde zu sein (…).


https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/diaeten-und-fasten/intervallfasten/

Auch bin ich unter Menschen groß geworden, denen reichliches (weniger reichhaltiges) Essen allzu sehr mundet und die als rechte Esser und große Genießer recht wenig von Enthaltsamkeit halten und wo zu wenig essen mehr auffällt als zu viel – weshalb mein Intervallfasten, das ich, aus Angst, man könnte mich für abnormal oder gar essgestört halten, für mich behielt, nicht groß auffiel. Zwar aß ich bei sittsamen Familienessen unter Einhaltung der Tischsitten weit weniger als bei den abnormen All-you-can-eat-Fressereien mit meinem Freund oder den OMADs allein – aß aber für meine Verhältnisse dennoch unverhältnismäßig viel; was vor allem bei Essen mit befreundeten Mitstudentinnen auffiel, die viel nicht aßen – bewusst oder unbewusst zu essen „vergaßen“. Ich aber war vom Essen besessen – konnte und wollte darauf nicht vergessen – musste es auch gar nicht, solange ich auf das Fasten danach nicht vergaß (…). Und wann immer ich mich beim Essen vergaß, zog ich mich nach dem Überessen übermüdet zurück, bis ich ausgenüchtert und wieder mitmenschentauglich war – konnte ich bei meinem unsteten Studentenleben mit einem solchen Ess- und Sozialverhalten ja ganz gut leben. So also machte ich weiter, denn als altes Gewohnheitstier hatte ich mich längst an die neue Angewohnheit des feasting-fasting gewöhnt.

Träge Zeiten


Ich machte schon deshalb mit dem feasting-fasting weiter, weil so nichts verschwendet war, da das viele Essen ja in mir und nicht im WC-Abfluss verschwand – wie es bei einer ungesund aussehenden Mitstudentin der Fall war, die, wie ich von ihrer Mitbewohnerin wusste, nach ihren Fressanfällen alles wieder erbrach, bis das WC voll und sie leer war.

Zwar kann oder will nicht jeder binge eater so ausdauernd fasten, wie er zuvor mit viel Ausdauer weit über den gesunden Hunger gegessen hat – doch ist so ein Ess-Brech-Verhalten allzu ungesund und sinnentleert und keine gute Alternative zum bewussten wie Bewusstsein schaffenden Fasten.

Dennoch interessieren mich, gerade weil ich in meinem (Ess-)Verhalten relativ extrem bin, alle Formen von Essstörungen extrem.

Und während ich versuch(t)e, die eigene Haltlosigkeit mit Enthaltsamkeit in Schach zu halten und dabei die Ernährungsform zu finden such(t)e, die für mich in meiner relativen Unmäßigkeit tragbar, verträglich und damit meiner Gesundheit zuträglich ist, koste(te) ich mich einerseits durch verschiedene Kostformen – fand (und finde) andererseits Geschmack an entsprechender Lesekost.

Was mich anspricht, ist etwa Erna Sassen’s „Komm mir nicht zu nah“, worin es mitunter buchstäblich geschmacklos wird.

Doch sind es nicht die bulimischen Geschmacklosigkeiten der Protagonistin, die meinem Geschmack entsprechen, sondern ihre innere Zerrissenheit und das Exzessive, in dem ich mich selbst wiederfinde:

Sassen, Erna, 2016. Komm mir nicht zu nah. Stuttgart: Freies Geistesleben & Urachhaus GmbH.

https://www.buecherkarussell.eu/jugendliche/komm-mir-nicht-zu-nah

The Time Has Come

Augenmaß statt Unmäßigkeit

Während ich im fasting ein Gegengewicht zu meinen feasts fand, um nicht an Gewicht zuzunehmen, nachdem ich übermäßig viel Nahrung zu mir genommen hatte, fand ich im intuitive eating zu etwas mehr Regelmäßigkeit und Mäßigung beim Essen.

Doch fand ich erst viele Ess-kapaden später (dazu komme ich später) über mein stetes Experimentieren mit meiner Ernährung sowie über die Ernährungsgewohnheiten anderer, gemäßigterer Esser-innen zum intuitiven Essen – und erst, nachdem ich mir angewöhnt hatte, mehr auf meinen Bauch („ich möchte – ich brauche“) und weniger auf meinen Kopf („ich will – ich muss!“) zu hören.

Miss Harpyia

Demnach ist das Essverhalten wie alles andere auch eine Frage der Gewohnheit.

Und gerade bei heißhungrigem, unmäßigem, einseitigem Essverhalten kann intuitives Essen die erste Hilfe – eine Hilfe zur Selbsthilfe – sein.

Denn wenn ich bewusst auf mein Unterbewusstsein, also mein Bauchgefühl höre, dann esse ich intuitiv genau das, was ich brauche, um physisch und psychisch befriedigt zu sein – um wiederum zu einem natürlichem Hunger- und Sättigungsgefühl und damit zu einem gesunden Essverhalten ohne künstlich genährten Heißhunger zu finden.

Und verlangt es mich zwischendurch doch einmal nach etwas salzig Süßem und komme ich diesem süßen Verlangen mit einer kleinen Süßigkeit bei, komme ich erst gar nicht erst auf den Gedanken, mich gedankenlos mit Süßigkeiten “vollzufressen“, da kein verdrängtes Verlangen übermäßig groß werden konnte (…).

Im intuitiven Essen sehe ich ein Essen mit Maß und Ziel, das insofern zielführend ist, als dass eine regelmäßige-re Nährstoffzufuhr Magen-Darm-verträglicher und dem natürlichen Fließgleichgewicht des Körpers zuträglicher ist als wenn ich Magen und Darm (wie etwa beim OMAD) mit zu viel Nahrung auf einmal überflute und diese Nahrungsflut den zähflüssig werdenden Fluss stocken lässt.

Denn nur was im Fluss ist, fließt – aber fließt nicht über, macht nicht überdrüssig.

Alles im Fluss

Wobei ich es überflüssig finde, meinem in Kilogramm gemessenen Körpergewicht mehr Wert beizumessen als meinem in Gramm nicht messbaren Wohlbefinden – weshalb mein Maßstab das Augenmaß und nicht die (Küchen-)Waage ist.

Denn jedes Gramm zu viel kann ein Grund sein, sich deswegen zu grämen – könnte der Grundstein für ungesundes Essverhalten sein (…).

Wegen meines grundsätzlich extremen Essverhaltens – extrem viel, extrem wenig, extrem einseitig –also habe ich lange gesüchtelt, lange gesucht, um eine Ernährungsform zu finden, die „meine“ ist;
habe ich versucht, meinen von klein auf genährten Heißhunger auf Süßes, der nichts anderes als der psychische Hunger einer emotional dürstenden Seele ist, zu deuten, zu hinterfragen und zu verstehen – und alle Antworten auf meine brennendsten Fragen hier gefunden:

Virtue, Doreen, 2008. Der Hunger nach Liebe. Wie Sie Ihre Ess-Störungen liebevoll überwinden. Berlin: Allegria

https://reado.app/de/book/9783548743264

Waterhouse, Debra, 1995. Frauen brauchen Schokolade.München: Goldmann Verlag

Logue, A. W., 2009. Die Psychologie des Essens und Trinkens. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag

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